
Der Weg
Seit mehr als 25 Jahren mache ich die Erfahrung, dass ich als Akkordeonistin mit meiner Musik und mit meinen Texten die Menschen berühre.
Ich lade Sie ein, sich auf meiner Website umzuschauen und umzuhören. Bei Interesse freue ich mich über eine Kontaktaufnahme.
Hier ein Portrait der Schriftstellerin Ute Bales über mich:
Ute Bales
Fußspuren
für die Akkordeonistin Cordula Sauter
Es war eine Schallplatte, die sie kaufte, nachdem seine Musik im Radio gelaufen war. Eine Mischung aus Klassik, Jazz und Tango, gespielt auf einem Instrument, das beim Ziehen und Drücken schluchzende, klagende Töne hervorbrachte, und durch die harten Aufschläge der Luftventile eine aggressive Energie ausströmte, die fast ins Brutale mündete. Der Mann
auf dem Cover, alt, mit kurzem zurückgekämmtem Haar, das Gesicht konzentriert, die Augen halb geschlossen, trug einen Schnurrbart und hielt ein Bandoneon vor der Brust. Das Foto war schwarzweiß und aus der Ferne aufgenommen. Auch die Schrift schwarzweiß: Adiós Nonino.
Sie nahm die Platte aus der Hülle, legte sie auf den Plattenteller, hob den Tonarm an, führte die Nadel an den Rand der rotierenden Scheibe und ließ sie langsam sinken. Ein feines Knacken. Dann das weiche Rauschen der Nadel, wie ein Strömen, aus dem sich ein erster Ton löste, ein zweiter, ein dritter, schließlich eine Tonfolge, die tastete, zögerte, mit ihren Takten voran drängte, wieder still wurde, abbog, innehielt und vor Sehnsucht zu weinen schien. Es war nicht das Virtuose, das sie traf. Auch nicht die Bewegungen in den Klängen, die Schnelligkeit, mit der die Tasten gedrückt wurden, der Atem des Balgs. Seine Musik war die reinste Form seiner selbst. Die Töne, die dieser Mann hervorbrachte, verbargen nichts. Sie fragte sich, wie lange er geübt haben musste oder ob er vielleicht sogar längst mit Üben aufgehört hatte, weil er wusste, dass hinter jedem Ton etwas lag, dass sich weder lernen noch besitzen ließ. Astor Piazzolla.
Er kam aus Argentinien. Sie stellte sich vor, dass er im Stehen spielte, einen Fuß auf einem Stuhl, sah einen schwarzen, spitzen Männerschuh, der im Takt der Musik wippte, spürte seine Anspannung und dass er sein ganzes Körpergewicht einsetzte, hörte, wie er den Balg ruckartig und gewaltsam aufriss, um ihn dann, ebenso heftig wieder zusammenzuschieben. Zuweilen schlug er mit den Handflächen auf das Holzgehäuse seines Instruments, wechselte die Tempi, von rasenden, aufbrausenden Rhythmen zu langsamen und schleppenden. Es schien ihr möglich, dass ein Mensch sich in Tönen vollständiger zeigen konnte als in einem Leben voller Erklärungen und so schloss sie die Augen und flog den Wellen dieser Töne hinterher. Seine Musik trug die Gewissheit, dass alles Schöne vergänglich ist und dennoch keinen Verlust bedeuten musste. Auch die Geige, die ihn begleitete, strahlte etwas Freies, aber auch diesen Zorn aus, der aus Liebe gemacht schien.
Sie kam aus dem Schwarzwald. Seit Jahren spielte sie Akkordeon. Als sie Piazzolla begegnete, wusste sie wenig über Argentinien, wenig über den Tango als Protest und Form des Widerstands, kaum etwas über Buenos Aires. Dennoch war mit seiner Musik alles da: breite Straßen im Abendlicht, volle Cafés, das Klacken von Absätzen auf Asphalt, der Wind, der vom Meer herüberzog, die pulsierende Energie einer riesigen Stadt, die laut war und nach Staub und Salz und Schweiß roch. Sie vermisste diesen Ort, ohne jemals dort gewesen zu sein, wünschte sich, mit ihrer Musik denselben Grad an Wahrheit hervorzubringen und herauszufinden, ob dieser Ort wirklich existierte, jener ferne, unerreichbare Ort, an dem ein Ton aufhört, bloß Ton zu sein.
Ihre Landschaften unterschieden sich, aber die Sehnsucht, die Freude und die Aufrichtigkeit ihrer Musik lagen eng beieinander. Die eigene Musik veränderte sich. Sie glaubte nicht an Zufall, als ihr Jahre später Noten für Akkordeon in die Hände fielen. Noten, die bis dahin nie aufgeschrieben worden waren und die sie doch sofort erkannte. Anfangs schienen sie ihr unspielbar, unzugänglich und sperrig. Wie eine neue Sprache. Je länger sie sich damit befasste, desto mehr erkannte sie, dass es weniger um die Noten ging, sondern um die innere Logik dieser Notation. Sie ließ nicht nach, wusste doch, dass diese Noten sie gesucht und endlich gefunden hatten.
Das Licht ist gelblich, gedimmt und kommt von der Seite. Sie sitzt auf einem Hocker, leicht nach vorne gebeugt, auf den Knien das Akkordeon. Die breiten Schulterriemen des Instruments halten es dicht an ihrem Körper. Sie hat ihr langes, schwarzes Haar locker aufgesteckt. Zu einem roten, samtigen Oberteil trägt sie eine dunkle Hose und schwarze Riemchenschuhe. Kurz sieht sie ins Publikum, lächelt, schließt dann aber die Augen, versetzt sich in die Stimmung des ersten Stücks, nimmt das Tempo auf. Der erste Ton ist längst in ihrem Kopf, bevor sie ihn spielt. Die Musik fließt. Libertango, Tanti anni prima, Oblivion. Die Hände haben zu tun. Die linke führt den Balg und bedient die Bassknöpfe, die rechte die Tastatur. Es ist seine Musik, aber es ist auch ihre. Wo endet seine und wo beginnt ihre? Längst hat sie aus seiner Stimme heraus ihre eigene gefunden. Zwischen den Stücken erzählt sie von Piazzolla, von seiner Kindheit in New York, von seiner Rückkehr nach Argentinien, vom Tango Nuevo und wie er mit seiner neuen Musik das gesamte Land gegen sich aufbrachte und erst 40 Jahre später Anerkennung fand. „Wieder waren die Gerüche aufgetaucht, aber dieses Mal haben sie mich angezogen und ich dachte, wie schön es ist, erwachsen zu werden, Klavier zu spielen und Zigaretten rauchen zu können …“ Sie erzählt auch, wie sie die einzige Chance, ihn in einem Konzert zu erleben, versäumt hatte. Dann spielt sie wieder. Adiós Nonino. Am Ende hält sie Tasten und Knöpfe gedrückt, hört dem letzten Ton so lange nach, bis er verklingt und lässt dann alles los.